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Rückblick 2017: «Göschenen am Meer»


Von Ende Juni bis Mitte August wurde auf dem «Eidgenössischen» in Göschenen das Freilichtspiel «Göschenen am Meer» aufgeführt. Rund 8000 Besucherinen und Besucher liessen sich in die spannende Zeit um 1900 versetzen. Der verrückte Plan des Schweizer Ingenieurs Pietro Caminada, einen für grosse Fracht- und Passagierschiffe benutzbaren Wasserweg über die Schweizer Alpen zu bauen, versetzte das Bergdorf mit seinen knapp 800 Einwohnerinnen und Einwohnern in helle Aufregung.

Seit 2016 liefen die Vorbereitungen für ein weiteres Freilichtspiel auf Hochtouren. Weil die Schöllenenstrasse über Jahre in den Sommermonaten saniert wird und deshalb mit Staus und Verzögerungen zu rechnen ist, beschloss der Vorstand des kfag, die Spiele 2017 wie schon 2007 wiederum in Göschenen durchzuführen.

Der Text für das Stück «Göschenen am Meer» stammte vom bekannten Schweizer Theaterautor Paul Steinmann, der bereits 2007 das Freilichtspiel «D`Gotthardbahn» geschrieben hatte. Und auch Stefan Camenzind hatte schon 2007 die Regie geführt. Die Spiele starteten am 30. Juni und endeten am 19. August mit der Dernière. In 23 Vorstellungen gaben rund 50 Spielerinnen und Spieler, unterstützt von über hundert Helferinnen und Helfern, ihr Bestes. Das OK unter dem Präsidium von Christoph Gähwiler hatte erneut hervorragende Arbeit geleistet und für einen zum allergrössten Teil reibungslosen Ablauf der Spiele gesorgt.

Das Stück thematisierte den Plan des Schweizer Ingenieurs Pietro Caminada, der um 1900 die verrückte Idee hatte, eine Wasserstrasse von Hamburg bis Genua zu bauen und zu betreiben. Doch in den Freilichtspielen ging es nicht nur darum aufzuzeigen, gegen welche Schwierigkeiten Caminada mit seiner ausgefallenen Idee anzukämpfen hatte. Gezeigt wurde auch, von welchem Fortschrittsglauben die damalige Zeit beseelt war und wie heftig wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Fragen selbst in kleinen Dörfern diskutiert und unterschiedlich bewertet wurden.

Aus Rückmeldungen wissen wir, dass der Inhalt des Stücks nicht alle zu überzeugen vermochte. Doch die Regie, die Licht- und Videoeffekte, die Musik und vor allem der tolle Einsatz und die Spielfreude der Mitwirkenden wurden durchwegs gelobt und gewürdigt.

So positiv die zahlreichen Rückmeldungen waren, so miserabel spielte das Wetter mit. 21 der 23 Vorstellungen fielen buchstäblich ins Wasser, da es an den Aufführungsabenden fast immer wie aus Kübeln regnete. Zahlreiche Personen liessen uns wissen, dass sie schönes Sommerwetter abwarten würden, um sich das Spiel anzusehen – mit dem Resultat, dass sie vergebens an den Spieltagen auf laue Sommernächte warteten und wir bedeutend weniger Zuschauerinnen und Zuschauer verzeichnen konnten als bei den vergangenen Produktionen. Aufgrund der Erfahrungen mit den vorgängigen Freilichtspielen rechnete das OK vorsichtig mit 15'000 Besucherinnen und Besuchern. Das entsprach zwei Dritteln der Kapazität. Doch in Tat und Wahrheit sahen sich nur rund 8000 Personen die Spiele an.

Leider fiel auch die Schlussrechnung dementsprechend aus: Die Abschlussrechnung zeigt, dass rund 870'000 Einnahmen 1,3 Millionen Franken Ausgaben gegenüberstehen. Mit Ausnahme bei den erwähnten Eintritten und dem Bühnenbild gab es keine nennenswerten Unter- bzw. Überschreitungen. Es waren also fast ausschliesslich die fehlenden Zuschauerinnen und Zuschauer, die ein Defizit von rund 450'000 Franken verursachten. Damit hatte niemand gerechnet und selbst die pessimistischsten Annahmen wurden bei weitem übertroffen.

Inzwischen wurden an die 90 Prozent der Forderungen beglichen. Doch nach wie vor warten einige Unternehmungen auf ihre in Rechnung gestellten Beträge. Dem Organisationskomitee und dem «kulturforum andermatt gotthard» ist es ein grosses Anliegen, das finanzielle Problem so zu lösen, dass niemand zu Schaden kommt. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir dringend auf die Unterstützung Dritter angewiesen. Neben dem Kanton, der Gemeinde Andermatt und der Korporation Ursern haben wir auch die Urner Kantonalbank, die Dätwyler-Stiftung und die Otto Gamma-Stiftung um Unterstützungsbeiträge nachgesucht. Einzelne Unternehmungen haben uns auch namhafte Reduktionen der Rechnungssumme zugesagt, wofür wir sehr dankbar sind. Und schliesslich hat auch die Jahresversammlung des «kultur forum andermatt» am 6. April 2018 einer vom Vorstand beantragten einmaligen Verdoppelung des Jahresbeitrags zugestimmt.

Die Freilichtspiele Andermatt geniessen seit ihrer ersten Aufführung von «D’Gotthardposcht» im Jahr 1999 einen ausgezeichneten, weit über die Kantonsgrenzen hinausreichenden Ruf. Sie sind in verschiedenster Hinsicht ein wertvoller Bestandteil des kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens des Urserntals und des Urner Oberlands. Bewusst hat man den Weg gewählt, jeweils ausgewählte Themen und Geschichten aus der Gotthardregion darzustellen. Man wollte so nicht nur an die grandiosen Werke der Vorfahren erinnern, sondern gleichzeitig aufzeigen, dass auch so genannte Randregionen mit vereinten Kräften in der Lage sind, kulturelle Leistungen hervorzubringen. Dass die Freilichtspiele auch von volkswirtschaftlicher Bedeutung sind, liegt auf der Hand. Nicht nur der Tourismus, auch zahlreiche lokale Gewerbebetriebe profitieren jeweils von den Spielen in Andermatt oder Göschenen.

Nicht unterschätzt werden darf die soziale und gesellschaftliche Bedeutung der Freilichtspiele. Rund 150 Frauen, Männer und Kinder aus dem Urserntal und dem unteren Kantonsteil machten bei jeder der acht Produktionen auf und hinter der Bühne mit. Die Realisierung eines so grossen Vorhabens schweisst die Leute zusammen. Freundschaften entstehen und werden gefestigt. Ja, es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Freilichtspiele Andermatt in den letzten Jahren das Selbstbewusstsein der Regionen des Urner Oberlands und des Urserntal gestärkt haben. So gesehen, haben die Spiele nicht nur den zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauern, sondern auch den Mitwirkenden viel gebracht. Sie haben wesentlich zur Stärkung des Zusammenhalts in der Region beigetragen.

Für das «kulturforum andermatt gotthard» ist es deshalb zurzeit undenkbar, dass es wegen des eingefahrenen Defizits künftig keine Spiele mehr geben kann und soll. Wir sind überzeugt, dass dies ein Riesenverlust für die Region wäre. Dies ist mit ein wichtiger Grund, weshalb wir alles Erdenkliche unternehmen, um das Freilichtspiel «Göschenen am Meer» zu einem glücklichen Ende zu bringen.

Die Frage des «Wie weiter?» beschäftigt den Vorstand seit Langem. Und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen wird es allein schon altersbedingt in nächster Zeit zu Rücktritten aus dem Vorstand des kfag kommen. Hier gilt es, rechtzeitig geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger zu finden. Zum andern müssen wir uns auch der Frage stellen, ob die Freilichtspiele weitergeführt werden sollen. Und wenn ja, in welcher Form. Der Vorstand wird sich im nächsten Jahr intensiv mit diesen Fragen beschäftigen und die Mitglieder in geeigneter Form orientieren.